Streifzüge Berlin, Wedding
in Zusammenarbeit mit Kathrin Grissemann
2007/2008

Das Vorhaben einen interkulturellen Schüleraustausch innerhalb des Soldiner Kiezes durchzuführen, brachte uns auf einen Streifzug quer durch den Kiez bis an die Grenzen des Realisierbaren. „Hier vertraut man sein Kind nicht einer fremden Familie an" war das Fazit aller unserer Baustellen. Nach zwei Monaten Kontaktaufbau war der Weg zum Ziel geworden. Wir hatten den Wedding erlebt: kleine Geschichten vor großen Themen, die wir des nachts in Tagesberichten zusammenfassten.
Ein bissiges Dokument über einen schroffen Winter im Wedding.
english


Namen geändert
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Hallo ihr Lieben,
hier unser Tagesbericht zum fröhlichen Adventskranz
03. Dezember 2007

8:10 Uhr: Sonja stellt fest, dass Kathrin verschlafen hat.
20 Minuten später stehen Sonja und Kathrin verschwitzt auf dem Flur der Günther-Brun-Grundschule. Eine freundliche Lehrerin, mit der wir kurz ins Gespräch kommen, äußert ihre Bedenken, dass muslimische Kinder nicht bei anderen Kindern übernachten dürfen und dies immer wieder ein Problem bei Schulreisen sei.
Wenig später sitzen wir bei der Schulleiterin Frau Petri und stellen unser Projekt vor.
Frau Petri, die gerade ihren Weisheitszahn gezogen bekommen hat und mit gelber Backe skeptisch auf das hart erarbeitete Exposé schaut, lehnt ihre Mithilfe innerhalb von Minuten ab. Begründung: die Sechstklässler sind im letzen Schulhalbjahr aufgrund des bevorstehenden Abschlusszeugnisses nicht zusätzlich belastbar.
Auf den Einwand hin, dass wir den Austausch auch mit Schülern der Jahrgangsstufe fünf durchführen können, schiebt sie das Exposé samt des Schreibens unseres Professors Alex Jordan, in dem er für unsere Unterstützung plädiert, zurück.
Die erste Ablehnung hat gesessen, woraufhin wir beim Dönerladen in der Badstraße erst mal frühstücken müssen: zwei Fladenbrote und sechs Tees. Zeit genug um auf existenzielle Gedanken zu stoßen.
Erst mal den kleinen Misserfolg wegstecken, es gibt ja noch weitere Grundschulen.
Wir machen uns also auf den Weg zur nächsten Schule. Zufällig kommen wir an dem kleinen Kinder- und Jugendclub an der Panke vorbei und sprechen mit Jens Michael, der dort als Erzieher arbeitet.
Er erzählt vom Umzug und Neubau seines Clubs. Er wird hauptsächlich von Kindern der Nordhof-Grundschule besucht, die gleich um die Ecke liegt.
Seine Frau ist Erzieherin an der Phillip-Meiners-Grundschule. Er kennt also die Situation an den Grundschulen aus erster Hand. Er erzählt, dass die Lehrer der Nordhof-Grundschule den Kiez und die außerschulischen Projektangebote kaum kennen.
Wir stellten ihm unser Projekt vor und er bot uns seine Unterstützung oder zumindest sein Wohlwollen an. Er riet uns zuerst zum Quartiersmanagement (Fachsprache QM, QR) zu gehen, am besten zu Herrn Behrend. Ansonsten hat er noch erzählt, dass es den meisten Eltern ziemlich egal ist, was ihre Kinder machen, solange sie dann und wann zu Hause sind. Und in der Koloniestr. gab es in den neunziger Jahren ein Auffanglager für Flüchtlinge aus Ex-Jugoslavien, woran der Besitzer des Hauses gut verdient hat. Nach Jens Michael, zwanzig Personen in einem Zimmer, Sanitäranlagen unter aller Sau, bis die Stadtverwaltung die Familien in Einzelwohnungen umquartiert hat.
Daraufhin mussten wir erstmal einen Tee trinken, und zwar im Ex-Auffanglager.
Zuerst bei der Drogenberatungsstelle gelandet, fanden wir uns dann im richtigen Gebäude wieder, wo heute ein privater Besitzer ein Hostel betreibt, stark besucht von Schulklassen aus ganz Europa.
Kathrin frisst Kartoffelpuffer. Sonja frisst ihr die Hälfte weg. Wir verwickeln uns in ein Gespräch mit der Inhaberin und Leiterin des Hostels, die beim Stichwort Auffanglager andeutet, dass das übertrieben sei.
Bei der nächsten Tasse Tee kommen wir zu der Erkenntnis, uns von oben nach unten durchzuarbeiten. Also machen wir uns schnell auf den Weg in die nächste Internetstube, wo Sonja sich bei unserem Lehrbeauftragten Steffen Schuhmann über den bisherigen Kontakt zum QM erkundigt.
Kathrin recherchiert Hartmut Behrend vom QM und druckt kräftig aus, während unser Kabinennachbar kurdische Propagandavideos schaut.
Wir fahren also zum QM und können direkt mit Herrn Behrend sprechen, der eine viertel Stunde für uns Zeit hat.
Herr Behrend meint, er sehe da den Anreiz für die Kinder nicht und auch nach fünfundvierzig Minuten hitziger Debatte sieht er ihn immer noch nicht. Seiner Meinung nach sei das Projekt nur interessant, wenn ein Austausch mit beispielsweise Paris oder auch Marzahn stattfände, womit er den zentralen Aspekt unseres Konzepts einfach nicht verstehen wollte. Ein anderer Vorschlag von ihm war, doch wenigstens ein Sportturnier oder einen Workshop für die Kinder anzubieten. Wir haben mehrmals deutlich gemacht, dass wir keine Sozialarbeiter spielen wollen und auch explizit gesagt, dass wir nur um Hilfestellung beim Kontaktaufbau zur Schulleitung bitten.
Ein weiteres Argument seinerseits war, dass auch die Freundesgruppen unter den Schülern kulturell heterogen seien, jedoch sozialer Klasse nach homogen.
Fischer und wir drehten uns noch mehrmals im Kreis bis er anbot, das Ganze noch mal zu überdenken. Auf dem Weg nach draußen, drückt er uns noch ein paar Broschüren in die Hand. Die Niederlage müssen wir im Seniorendomizil an der Panke mit einem Tee verdauen. Krisensitzung, Kathrin frisst einen Cookie. Für uns steht fest: wir bleiben bei unserem Konzept und ziehen das alleine durch, auch ohne Hartmut. Sonja teilt Kathrin mit, sie solle doch bitte im Gespräch bevorzugt das Gegenüber und nicht sie anschauen, das wirke unvorbereitet, worauf Kathrin erst mal einen neuen Tee bestellt.
Wir schauten nun doch in eine der Broschüren namens ,24 Kerzen für die Welt’ als just in dem Moment Rita Kramer, die Organisatorin der Veranstaltungsreihe hereinkommt, sieht dass wir in ihrer Broschüre blättern und sich zu uns setzt. Wir tauschen uns über unsere Projekte aus. Sie möchte uns unterstützen und ruft gleich einen Freund an, der Moslem ist, es sei interessant zu hören, was er davon hält.
Wir folgen also Rita und landen im Zentrum-Panke. Sie stellt uns Mecit Erdem vor. Er bietet eine Hausaufgaben-Betreuung in einer Moschee an und kennt dort alle Jugendlichen und Familien. Er war von uns als Künstlerinnen begeistert und schleppte uns in den Keller, wo Hans Felhi in langen Unterhosen auf uns wartete. Ganz mit dem Bühnenbild für ,Die schuldlos Schuldigen’ von Ostrowski (Lesung, 15.12.07, 19:00 Uhr im Zentrum-Panke) beschäftigt, konnte er sich nicht daran erinnern, uns jemals vorher getroffen zu haben, was uns ganz recht war.
Mecit war von unserem Projekt begeistert und versicherte uns gleich damit zu beginnen, Jugendliche und Eltern aus seiner Moscheegemeinde davon zu überzeugen. Wir verabschieden uns von Rita und sie heißt uns nochmals zu allen Veranstaltungen von ,24 Kerzen für die Welt’ willkommen. Gleich am nächsten Tag hält der Quartiersrat eine öffentliche Sitzung im Zentrum-Panke. Wir sagen zu, dort hinzugehen.
Zweite große Erkenntnis des Tages: von hinten nach vorne.

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Nachträglich zum fröhlichen Adventskranz
04. Dezember 2007

Herr Behrend hat uns geschrieben:
Sehr geehrte Frau Meyer,
sehr geehrte Frau Grissemann,
auch nach der Lektüre Ihres Projektvorschlages finde ich keine Anknüpfungspunkte, die die Teilnahme für Schülerinnen und Schüler aus dem Kiez wirklich attraktiv machen. Die Erstellung von Steckbriefen (Wer bin ich?) gehört zum pädagogischen Alltag und findet sich z.B. jeden Sonnabend auf der Kinderseite des Tagesspiegels in journalistisch aufbereiteter Form.
Interessant war für mich die Webseite histoire-immigration.fr.
Die Aufarbeitung der Migrationsgeschichte Berlins gab es schon in vielen Projekten u.a. des Mitte-Museums, Standort Pankstraße (ehemals Wedding-Museum) und im Museum für europäische Ethnologie in Dahlem.
Vielleicht wäre ein solches Projekt zur Migrationsgeschichte mit Kindern aus unterschiedlichen Bezirken Berlins ein Ansatz.

Mit freundlichen Grüßen
Hartmut Behrend
(Lösungen im Stadtteil)
Quartiersmanagement
Geschäftsführerin: Brita Wauer
Amtsgericht Berlin-Charlottenburg HRB 31008
Steuernummer: 602/50295

Wieder mal verschwitzt und zwanzig Minuten zu spät platzen wir um 18:20 Uhr in die GV des QM`s. Am Tisch sitzen Behrend, Schulleiterin Frau Petri, Mecit und Rita unter vielen weiteren QR`s und Gästen. Es wird über die Entscheidungsgewalt bei der Vergabe von Fördergeldern für Projekte diskutiert.
Die vierundzwanzig Mitglieder des neu gewählten Quartiersrates setzen sich aus sechzehn Personen, die im Kiez wohnen, arbeiten oder sich ehrenamtlich engagieren, sowie acht Vertretern von Institutionen oder Vereinen aus dem Kiez zusammen. Sie geben Empfehlungen weiter, wie 900.000 Euro an Fördermitteln in den Jahren 2005 bis 2008 im Quartiersmanagementgebiet eingesetzt werden sollen.
Einzelne Projekte wurden vorgestellt, wobei uns klar wurde, warum Behrend uns nicht verstanden hatte. Wir unterscheiden uns von allen Antragstellern, indem wir den Kindern nicht direkt helfen wollen, sondern durch unsere Arbeit ein breites Publikum zum Nachdenken über das Thema Immigration anregen wollen.
Wir hatten den Eindruck, dass sich zur sinnvollen und vor allem für die Schüler nachhaltigen Vergabe der Fördergelder viel Gedanken gemacht wird.
Im Anschluss wurde das internationale Büffet eröffnet mit Käse-Trauben-Partyspießen inklusive deutscher, dänischer und englischer Flaggen, iranischer scharfer Tomatensuppe, liebevoll von Aarmaan serviert, und russischen Buletten.
Wir stürzten uns getrennt voneinander ins Getümmel, wobei Kathrin auf Cécile Ehler stieß und sofort die Chance auf jegliche Hilfe verspielte, weil sie Céciles Puppenspielbühnenbild nicht als die Abbildung des Berges Sinai erkannte. Cécile leitet eine Puppenspielgruppe mit Mädchen der Nordhof-Grundschule im Alter von zehn bis dreizehn Jahren.
Sonja kam mit Selin Özen vom QM ins Gespräch. Sie fand das Projekt sehr interessant und fragte, warum wir uns damit nicht beim QM bewerben würden.
Als sie erfuhr, dass wir schon mit Herrn Behrend gesprochen hatten, war`s das vorerst. Sie hinterließ uns aber ihr Wohlwollen und ihre Visitenkarte.
Dann kam schon Mecit mit Herrn Yassir Mohammed, Leiter des Arabischen-Eltern-Kreises, um die Ecke. Er ist für die nächsten drei Wochen nicht ansprechbar, verwies uns aber an seine Kollegin Hülya Turaci. Der nächste Kontakt von Mecip war Tugce Ünal, die Frauenbeauftragete von Gemeinsam Stark e.V. Sie gab uns die Telefonnummer ihrer Tochter, ihre Enkelin sei im richtigen Alter und vielleicht am Schüleraustausch interessiert.
Als wir gerade gehen wollten, schenkte Aarmaan uns Wein ein. Da war es um uns geschehen. Die nächsten vier Stunden verbrachten wir zusammen mit Aarmaan und Hans.
Aarmaan kommt aus dem Iran, hat dort Film studiert und ist 1985 im Wedding gelandet, wo er immer noch in der selben Wohnung wohnt. Mit seinem ersten Film "Mann hat ein Pferd" hat er in Japan einen Preis gewonnen und seitdem in der Schweiz und Deutschland gedreht. Seinen letzten Film drehte er 1990 oder 95 fürs Deutsche Fernsehen. Heute arbeitet er als Mode- und Pressefotograf und fürs Haus der Kulturen der Welt. Diesen Job hat er nun wegen der Nähe zum Bundeskanzleramt satt. Als älterer Iraner mit Bart fühlt er sich dort durch Sicherheitskräfte ständig gedemütigt. Er erzählte auch von Pressetreffen mit Bush und Steinmeier. Steinmeier zum Beispiel habe, als bei einer Mitteilung von der Gefahr von Terroristen die Rede war, mit dem Finger auf ihn gezeigt. Aarmaan ist aber nicht nur Regisseur und Fotograf, sondern auch Autodidakt in Physik, Chemie und Mathematik. Er erzählte, dass er früher als Dank für einen Auftrag von den Russen, eine Funkstation mit achtfacher Lichtgeschwindigkeit bekam. Dieses und weiteres Equipment befindet sich in seiner Wohnung im Wedding, wo er Tag und Nacht Signale von anderen Funkerfreaks empfangen kann.
Hans Felhi entpuppte sich ebenfalls als cooler Typ. Sein algerischer Vater wurde mit dreizehn vom Fressnapf verstoßen, woraufhin Hans das Ganze in seinem Ökogarten in Dortmund, damals noch mit Jugendfreundin, verarbeiten musste. Hans hat Literaturwissenschaften und Sozialpädagogik studiert. Heute inszeniert er Ostrowski. Als sich der Abend dem Ende neigte, kam noch Darius vorbei. Darius Kolarov hat Kunst studiert und betreibt heute eine Galerie im Wedding.
Auf dem Weg zur Ampel, lud Aarmaan uns drei noch ein, einen Drink bei ihm zu nehmen und bei ihm zu übernachten, woraufhin wir elegant die Kurve kratzten.

Lieben Gruß
Kathrin und Sonja




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05. Dezember 2007

Sonja ruft Hülya vom Arabischen-Eltern-Kreis an. Sie ist von Yassir Mohammed schon über unseren Schüleraustausch informiert worden. Durch den Arabischen-Eltern-Kreis hat sie regelmäßig Kontakt zu Familien, die dort Informations- oder Beratungsangebote wahrnehmen.
Hülya ist außerordentlich nett, interessiert sich sehr für unser Projekt und überlegt, wie sie uns helfen kann. Sie erzählt, dass es sehr schwierig ist, an die Familien heranzutreten und sie für die Angebote des Arabischen-Eltern-Kreises zu gewinnen. Das würde nach langem Aufbau von Vertrauen nun funktionieren und von den Familien wahrgenommen und genutzt werden. Aber alles, was darüber hinausgehe oder zu den Familien nach Hause getragen würde, werde abgelehnt. Das Leben würde nach außen sehr abgeschirmt. Auch sie als Araberin würde dort nicht leicht Zugang finden. Einige Frauen seien auch misstrauisch und würden sie als Konkurrentin oder Eindringling wahrnehmen, wenn ihre Männer im Arabischen-Eltern-Kreis mit ihr zu tun haben.
Sie stellt sich das Ganze also sehr schwierig vor. Wir verabreden uns für die nächste Woche im Büro des Eltern-Kreises.
Kathrin ruft Tugce an.

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Hier der neue Tagesbericht zum fröhlichenen Adventskranz
06. Dezember 2007

Um 14:30 Uhr holen wir Mecit im Zentrum-Panke ab, um mit ihm in die Masjid Rifai Moschee zu gehen.
Auch im Wedding gibt es private und staatliche Moscheen. Die staatlichen Moscheen werden eher von älteren Menschen besucht, da sie nicht, wie die privaten interessante Anreize für Jugendliche bieten, wie z.B. den Kickerautomaten der anderen Moschee, wo Mecit auch Hausaufgabenhilfe anbietet. Bei den staatlichen Moscheen ist die Ausrichtung nach politischen Gruppierungen verboten, bei den Privaten meist der Fall. Die Masjid Rifai Moschee ist eine türkisch-staatliche Moschee. Das erkennt man auch an dem Portrait des Staatsgründers Mustafa Kemal Atatürk neben der Flagge der Türkei. Wie in staatlichen Moscheen üblich, wird der Vorbeter von der Türkei finanziert.
Die Moscheegemeinden bilden sich nach Nationalitäten, zwar werden auch Gläubige anderer Nationalitäten aufgenommen, dies kommt aber eher selten vor.
Die Masjid Rifai Moschee ist erst auf den zweiten Blick als solche erkennbar. Wir treten von der Straße direkt in einen mit schönem Teppich ausgelegten Raum. Exemplare des Korans, Fotos von Mekka und der El Rifai Moschee in Kairo schmücken die Wände.
Bevor die Moschee eröffnet wurde, befand sich in den Räumlichkeiten eine Kneipe. Draußen im Innenhof hängen noch die Werbeplakate von Pilsener. Mecit, der strikt keinen Alkohol trinkt, findet das nicht gut. Er bemängelt außerdem, dass die Meisten der ca. hundertfünfzig Moscheemitglieder zwar oft im Gesellschaftsraum der Moschee Tee trinken, reden und Karten spielen, aber nicht regelmäßig zu den Gebeten erscheinen, die fünfmal täglich stattfinden. Mecit sagt, dass es Allah gleichgültig ist, wo man betet, wichtig ist, dass man es nicht versäumt. Sollte man keine Zeit während des Tages haben, muss man die fünf Gebete abends nachholen.
Direkt neben dem Gebetsraum liegt der Waschraum. Mecit erklärt uns, dass man sich für Allah wäscht und nicht für andere Menschen, deshalb vor dem Beten und nach dem Geschlechtsverkehr.
Für Frauen gibt es einen separaten Gebetsraum, der durch einen kleinen Tunnel mit dem größeren Gebetsraum der Männer verbunden ist. Der Vorbeter betet auf einem kleinen Podest und spricht, falls Frauen anwesend sind, in ein Mikrophon, das die Gebete in den Frauengebetsraum überträgt. Es kommen allerdings viel weniger Frauen in die Moschee als Männer, was nicht heißt, das sie weniger religiös sind. Die Frauen beten eher zu Hause.
In der Moschee werden auch Kinder über ihre Religion unterrichtet. Mecit meint, dass es wie in anderen Religionen; Kulturen auch, die Kinder eher zum Praktizieren des Glaubens gezwungen werden müssen. Ihr Eigeninteresse hält sich in Grenzen.
Als wir gerade gehen wollen, kommen tatsächlich zwei Jungen und werden vom Vorbeter, der nur Türkisch und Arabisch spricht, unterrichtet. Wir sprechen kurz mit den zehnjährigen Jungen und erzählen ihnen von unserem Vorhaben. Der kleine Bruder fragt, was wäre, wenn der Austauschpartner keinen Computer und keine Playstation hätte? „Vielleicht hat er ja die neue Playstation drei?", fragt er.
Wir gehen in den Laden nebenan, um mit der Mutter der beiden Jungen zu sprechen. Sie ist Deutsche, trägt ein Kopftuch und spricht Türkisch, Arabisch mit den Kindern. Wir erzählen ihr von unserem Projekt. Sie findet die Idee zwar gut, weiß jedoch sofort, dass sie und ihre Familie selber nicht teilnehmen möchten. Sie meint, sie habe schon vier Kinder zu versorgen und ein weiteres sei ihr zuviel. Ihr Mann würde sowieso nicht zu überzeugen sein. Sie hat auch bedenken, ihr Kind in eine fremde Familie zu geben. Sie würde ihre Kinder auch nicht tagsüber zu fremden Leuten schicken, sondern immer erst Kontakt zu den Müttern aufnehmen.
Wir gehen im Gesellschaftsraum der Moschee Tee trinken. Mecits Telefon klingelt, er buchstabiert dem Anrufer den Namen der Moschee: M wie Martha, A wie Anton, S wie Süden, J wie Julius, I wie Ida, D wie Dora, R wie Richard, I wie Ida, F wie Friedrich, A wie Anton, I wie Ida. Er fragt nach dem Namen des Anrufers. Es ist jemand aus der Schweiz namens Hans, der sich nach der Adresse der Moschee erkundigt, weil er Solidaritätsbekundungen an sämtliche Moscheen schicken möchte. Er hätte einen Artikel in einer Schweizer Zeitung gelesen, in dem ein zum Islam konvertierter Deutscher schlecht dargestellt wurde und wolle dem etwas entgegensetzen. Er erkundigt sich noch nach der Sicherheit vor Schnüfflern, woraufhin Mecit ihm den Tesafilm-Trick erklärt. Mecit erzählt uns von anderen komischen Anrufen dubioser Institutionen. Er vermutet dies seien Kontrollanrufe initiiert vom Deutschen Sicherheitsdienst. Er nimmt es mit Humor.
Danach durften wir beim Abendgebet zuschauen. Das alles war eine große Bereicherung für uns.

Lieben Gruß
Sonja und Kathrin

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Neues vom fröhlichen Adventskranz
14. Dezember 2007

Eigentlich wollten wir früh morgens lospowern, doch wir müssen das Ganze auf den Mittag verschieben; sind krank und übermüdet. Kathrin überbrückt noch die Zeit mit Shopping im Gesundbrunnen-Center und schlendert von einem Internetcafé zum Nächsten, weil Sonja völlig krank jede halbe Stunde anruft, um das Treffen zu verschieben.
Um 14:30 Uhr haben wir es endlich geschafft und sitzen in unserer Stammdönerbude in der Soldiner Straße. Wir rufen Hülya Turaci an, sie ist wieder sehr nett und man kann es ihr nicht übel nehmen, dass sie ablehnt, ihre arabischen Familien für unseren Schüleraustausch zu gewinnen. Sie findet die Idee ganz toll, aber findet es auch zu schwierig. Selbst sie als Araberin hat Schwierigkeiten an die Familien ranzukommen und glaubt, von ihnen würde sowieso keiner mitmachen.
Bevor wir noch den ersten Falaffel verschlingen, stolpert Aarmaan in den Laden, mit wirrem Haar. Er setzt sich zu uns, nein fährt sich noch schnell mit einem Kamm durchs Haar und wir halten einen Plausch über die Ausstellung, die heute Abend im Rahmen des ‚fröhlichen Adventskranzes’ im Zentrum-Panke stattfinden wird. Wir dachten eigentlich Aarmaan würde seine Filme zeigen, doch es gibt nur eine Gruppenausstellung.
Wir helfen ihm noch seine Ausstellungsobjekte ins Zentrum-Panke zu tragen. Wir gehen also zu Aarmaan nach Hause. Man merkt, dass er schon seit 1985 in der Wohnung lebt. Kathrins Träume vom Traummann platzen. Uns beschleicht die leise Ahnung, dass Aarmaan gerne übertreibt. Außerdem ist er ein Messy. Wir bahnen uns einen Pfad durch die Wohnung und fragen nach der Raumstation. Aarmaan zeigt auf eine der vielen Ecken mit ollen Geräten und auch die scheinen das letzte Mal in den achtziger Jahren benutzt worden zu sein. Mit letzten Kräften schleift Sonja Aarmaans komische Glasplatte ins Zentrum, wo schon wieder fette Mütter stricken.
Wir haben keinen Bock mehr aufs Zentrum. Genug Zeit vertrödelt.
Wir machen uns auf, um unsere lange Liste der Jugendclubs abzuklappern. Wir beginnen bei der Bürgerbegegnung in der Prinzenallee. Im Schülertreff treffen wir noch einen Betreuer an, angenehm und sympathisch. Er möchte den Eltern der Kinder von dem Austausch erzählen. Er meint, dass bestimmt einige begeistert wären, doch dann kommt wieder eine Betreuerin dazu, die das Ganze nicht so unkompliziert sieht. Doch auf die Unterstützung vom netten jungen Sozialarbeiter (namenlos), können wir zählen. Wir lassen einige neu überarbeitete Bögen unseres Konzepts da und dampfen ab.
Wir kämpfen uns durch den Regen. Kathrin möchte noch schnell beim Stammdöner aufs Klo gehen, wird aber von der Frau des Dönermanns harsch zurückgewiesen.
Die Bürgerbegegnung und die Holle e.V. sind schon geschlossen. Im India-Shop suchen wir nach Wärme. Kathrin kauft sich Shahrukh Khan-Stickers. Eine Frau und ihre Tochter kaufen ihr das letzte Shahrukh Khan-Poster weg.
Wir sprechen sie an und versuchen sie von unserem Austausch zu überzeugen. Sie wirkt sehr locker, aber ihre Tochter möchte sie nicht in eine andere Familie geben. Man wüsste ja nie. Dem Einzigen, dem sie traue, sei der Laden, in dem wir uns gerade befinden.
Noch zwei Stunden bis zur Ausstellungseröffnung.
Wir setzen uns in eine arabische Schischa-Lounge und stellen nach wenigen Minuten fest, dass es eher ein Treffpunkt für arabische Jungen ist. Zuviel Testosteron in der Luft. Ein paar Hälse recken sich nach uns. Überall werden Geschäfte getätigt, die Tür geht auf und zu, die Jugendlichen kommen und gehen, hier und da fliegt ein „Ey fick dich, Alter" durch die Luft, Gangstersound im Hintergrund.
Ein fünfzehnjähriger Junge schmeißt den Laden. Wir kommen ins Gespräch, als er die neue Getränkelieferung neben uns in den Kühlschrank räumt. Er würde das nicht alleine machen, seine Brüder helfen ihm. Er fragt, ob wir Lehrerinnen sind. Nein Studenten. Sein vierzehnjähriger Kumpel sagt: „Wust' ich doch, ich erkenn die! Die sind immer so modisch angezogen." Er korrigiert sich: „So altmodisch". Wir müssen lachen. Kathrin findet es eher tragisch.
Die Jungen sind vierzehn und fünfzehn Jahre alt, gehen in die achte Klasse der Realschule. Der eine möchte Automechatroniker werden. Später könnten wir dann mal mit unserem Auto bei ihm vorbeikommen. Kathrin wirft ein, dass wir als Studenten nur Fahrrad fahren. Er lacht. Sie fragt sie, ob sie auch studieren wollten, wenn sie könnten. Der vierzehnjährige antwortet wie aus der Pistole geschossen: „Klar, sofort!" Wir fragen sie, ob sie oft hier sind. „Ja, am Wochenende. Apfelschischa und so". Der fünfzehnjährige sagt, er rauche nicht. Er achte lieber auf seine Gesundheit. Aber sein Freund rauche einfach zu gern.
19:00 Uhr. Zeit fürs Zentrum.
Durch die Tür, Blick nach links auf die russischen Buletten am Buffet, Blick gerade aus auf den Stammtisch Cécile und Co rauchend, Blick nach rechts auf die Kunst, nichts wie raus hier. Unsere Erwartungen auf die Vernissage waren schon nach dem ersten Zusammenstoß mit Aarmaan geschmälert. Doch dass es so schlimm sein würde, hätten wir nicht gedacht.
Aber wir haben ja noch eine Mission zu erfüllen. Wir gehen also erst mal zu Aarmaan in den Keller und klicken uns durch seine Windows Fotogalerie. Die besten Zeiten hat er wohl schon lange gesehen. Jegliche Illusionen zerplatzen beim Anblick von abstrakten Regenbogenfarben-Bildern und einer Deckenlampe in einer schäbigen Vase, die er uns als innovative Lichtinstallation verkaufen will. Als er dann aus seinem CD-Set die nächste Foto-CD in den Laptop schiebt, auf der er uns über 100 wahllos weggeknipste Aussichten vom Glockenturm der Stefanuskirche zeigt, wird uns klar, dass man nicht ohne Grund im Zentrum-Panke rumhängt.
Wir fragen uns: „Was machen wir eigentlich hier?"
Wir besinnen uns also auf das Wesentliche und gucken uns nach Mecit um. Er begrüßt uns wieder freudig und berichtet von seiner Überzeugungsarbeit für unser Projekt. Er hat mit zwei muslimischen Elternpaaren gesprochen, konnte jedoch keine der beiden für den Austausch gewinnen. Er sagt, die Kinder seien immer sofort begeistert, für die sei das ein Abenteuer, aber die Eltern würden letztendlich nicht mitspielen. Er hätte nun festgestellt, wie schwierig das überhaupt sei. Viele finden die Idee zwar gut, aber ihre eigenen Kinder möchten sie dann doch nicht hergeben.
Sonja schnappt sich ausgehungert einen Teller Hühnersuppe, die mindestens genauso grauenvoll schmeckt, wie es sich schon anhört. Kathrin würgt sich lieber ein paar trockene Stullen runter, die Sinan zuvor alle fünf Minuten in den Händen gewendet und umsortiert hat.
Mecit stellt uns Xaver Schreiber vor (Coaching, Klärungshilfe, Projektberatung). Er betreut unter anderem eine Tanzgruppe zwölfjähriger Mädchen. Er wird seiner Kollegin von unserem Projekt erzählen und wenn auch sie einverstanden ist, auf die Mädchen zugehen oder uns einladen und Gelegenheit geben, ihnen den Austausch vorzustellen.
Er berichtet außerdem von Jugendlichen der Koch-Sonderschule, mit denen er seit zwei Jahren regelmäßig in Kontakt steht. Er berichtet, dass die Jugendlichen sehr wohl oft beieinander übernachten, sogar Mädchen bei Jungen. Die Eltern würden sich überhaupt nicht darum kümmern, was ihre Kinder machen. Auf der anderen Seite wären sie dann wieder überstreng und würden die Kinder hart sanktionieren. Es herrscht aber gerade bei den Eltern großes Mißtrauen, wenn nun in einem offiziellen Rahmen Toleranz gefordert sei.
Sonja schnappt bei einer anderen Frau zufällig den Gesprächsfetzen ‚Junge Schreiber’ auf und bleibt der engagierten Dame von da an auf den Versen. Die gute Gelegenheit ergibt sich bald. Ute leitet die Arbeitsgemeinschaft ‚Junge Schreiber’ und macht den Eindruck einer Powerfrau. Sie ist total begeistert von unserem Projekt. Sie erzählt von der Idee zwischen den ca. dreizehnjährigen Schreiberinnen ein Tandemprogramm zum Sprachaustausch zu organisieren. Ihre Augen glänzen, die Projekte ließen sich ja wunderbar verbinden. Am Dienstag hat sie einen Termin wegen des Projekts. Sie lädt uns ein dazuzustoßen.
Gut, Mission erfolgreich.
Als der russische Sänger anfängt ein Alternativprogramm zur misslungenen Fotoshow, die nicht stattfinden konnte, weil der Mann mit dem Beamer verschollen war, zu improvisieren, kippt das Ganze. Wir stürzen raus. Rauf auf die Räder.
Fazit: Dienstag Abend wird unser letzter Abend im Zentrum-Panke sein.



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Knast oder Zentrum?
18. Dezember 2007

Um 17:00 Uhr sind wir mit Ute verabredet. Sie wollte sich im Zentrum-Panke mit Michael T. Heuser und Gregor wegen des Projekts ‚Junge Schreiber’ sprechen. Wir stellen fest, dass die Arbeitsgemeinschaft ‚Junge Schreiber’ nicht Utes Projekt ist, sondern nur von ihr verwaltet wird. Zwei Meter fünfzig Michael leitet nämlich eigentlich die Arbeitsgemeinschaft. Sie wird regelmäßig von sechs Mädchen der Günther-Brun-Grundschule besucht, die auch untereinander befreundet sind. Yvonne, Anna-Lena, Britta, ... größtenteils deutsche Mädchen. Michael berichtet von ihrem außergewöhnlichen Engagement und ihrer Begeisterung für das kreative Schreiben. Er erzählt von verrückten Horrorgeschichten, die sich die Mädchen ausdenken (Bushido in der Panke ertränkt), die er im ‚Spurenleser’ veröffentlichen will. Er gibt immer Stichworte vor, zu denen die Schülerinnen frei assoziieren sollen. Beim letzten Mal war das Stichwort ‚Regelüberschreitung’. Das Thema fanden sie so gut, dass sie immer noch dazu schreiben. Gregor macht Lernbetreuung und startet Mitte Januar ein Tandem-Sprachprojekt. Beide sind von der Idee des Schüleraustausches begeistert und Michael lädt uns ein, beim nächsten Zusammentreffen der Schreiberinnen unser Projekt vorzustellen. Die Mädchen werden teilweise von ihren Eltern abgeholt, die Gegend dort an der Panke sei schon gefährlich. Hinterm Haus sei schon mit Drogen gehandelt worden. Wir könnten also direkt auch einige Eltern ansprechen. Als alles besprochen ist, macht Ute uns deutlich, dass wir das Büro verlassen sollen.
Als wir aus dem Büro treten, stechen uns blau-weiß karierte Tischdecken ins Auge. Wir hätten es schon fast vergessen: heute steht im Zentrum-Panke Bayrischer Abend für Exilbayern und Preußen auf dem Programm.
Wir wollen uns noch etwas zu Mecit gesellen, da kommt er auch schon zur Tür rein mit einer Einkaufskiste in der Hand. Wütend, halb ernst, halb im Scherz betont er immer wieder, dass er diese unwürdige Arbeit, den Glühwein im Penny kaufen zu müssen, verabscheut. Ausgerechnet er als Moslem sei dazu verdonnert worden, Alkohol und Schweinefleisch einzukaufen. Rita, die den Abend im Rahmen des ‚fröhlichen Adventskranzes’ organisiert, war nicht da und einer musste den Einkauf ja erledigen. Mecit sitzt hinter dem eher mager als liebevoll aufgebauten Verkaufstisch für Brezeln und Obatzter und betont immer wieder, dass er der Letzte sei, der das Zeug verkaufen könnte, weil er keine Ahnung davon habe und auch keine haben wollte. Als der täglich für den ‚fröhlichen Adventskranz’ engagierte Fotograf Mecit auch noch beim Öffnen eines Weizenbiers ablichtet, hat er endgültig genug.
Weil wir uns noch etwas mit ihm unterhalten wollen, sitzen wir plötzlich auch hinterm Tresen und es sieht so aus, als hätte man uns als bayrische Servicemiezen für den Abend gebucht. Kathrin schenkt Weizen aus, Sonja fischt aufgeplatzte Würstchen aus dem Kochtopf und schmeißt die Kasse. Mecit erzählt und kommentiert uns stattdessen eine zentrale Geschichte aus dem Koran. Seiner Meinung nach wollte Abraham seine Frau Hagar und ihren gemeinsamen Sohn Ismail loswerden und ließ sie allein mitten in der Wüste zurück, wo heute Mekka liegt. Deshalb verachte er Abraham eher, als dass er ihn verehre. Rita schnappt einen Gesprächsfetzen auf und fragt, ob sie uns nicht die Bibel und den Koran zur Hilfe bringen solle. Mecit fasst das eher als Beleidigung auf und meint, die Bücher brauche er nicht, er wüsste nur zu gut, was in der Bibel und im Koran stehe, er hätte die Bibel zu Hause.
Als Aarmaan sich sein Weizen holt und sich ins Gespräch einklinken möchte, schickt Mecit ihn auf seinen Platz zurück. Er schimpft: „Und das soll ein Moslem sein!", er solle lieber beten. Aarmaan vertritt dagegen die Meinung, Hauptsache man ist ehrlich, er stehe dazu Alkohol zu trinken.
Wenig später bestätigt sich für uns die Erkenntnis vom 14.12.: Niemand hängt ohne Grund im Zentrum-Panke ab. Mecit stöhnt, noch zwei Monate müsste er das machen. Wir haken nach, was er meine. Mecit konnte die Gerichtskosten seiner Scheidung nicht zahlen und wurde vor die Entscheidung gestellt, Gefängnis oder drei Monaten Sozialstunden im Zentrum-Panke. Heute Abend bereut er seine Entscheidung.
Wir werden stutzig und fragen nach den Ambitionen seiner Zentrum-Freunde. Dabei bestätigt sich nun endgültig, dass Aarmaan nicht Regisseur, Modefotograf und Mathematikgenie, sondern Ein-Euro-Jobber im Zentrum-Panke ist. Plötzlich fällt uns auch auf, dass Rita und Mecit sich neuerdings siezen. Vielleicht weil Rita gestern bei der Veranstaltung ‚Meine Pilgerreise’ nicht vom heiligen Wasser kosten wollte. Das erzählte uns Mecit. Inzwischen sind die Gäste mit Weißwürstchen und Obatzter versorgt. Rita eröffnet die Runde mit der Frage: „Was verbindet euch mit Bayern?"
Bis auf einige wenige explizit geladene Bayern sind die Gäste eher älter.
Eine Omi kichert, wenn sie nochmals jung wäre, würde sie nach Bayern ziehen. Sie findet es da so schön. Der Nächste ist dran, und betont: „Es hat seinen Reiz, dieses Bayern". Ute aus dem tiefsten Westfalen sieht überhaupt keine Verbindungspunkte zu Bayern. Rita stattdessen ist dort aufgewachsen und trägt zur Feier des Tages eine bayrische Lederjacke. Ein Anderer wirft ein, er sei nur wegen der Weißwürstchen hier. „Ich wegen der Musik", ruft die Omi. „Ich wegen der Tischdecke", der Nächste. Rita sagt: „Jetzt wird geschunkelt!" Sonja: „Ich muss jetzt hier weg."
Wir fahren zu Darius Galerie und verabreden uns mit ihm für morgen.
Wir wollen ihn überzeugen, sein Kind für Allah und die sieben Zwerge zu
opfern.

Es ist 04:24 Uhr.
Gute Nacht
Sonja und Kathrin




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Wir haben ein Kind.
19. Dezember 2007

14:00 Uhr: Wir treffen Dario putzend in seiner Galerie an.
Er unterbricht sofort und lädt uns zu Kaffee, Wein oder Bier ein. Wir entscheiden uns für Kaffee. Er erzählt, dass die Vernissage gestern Abend gut besucht war und bis in die Morgenstunden kräftig gesoffen wurde.
Dario betreibt seine Galerie im Kiez seit 2004 und hat in dieser Zeit sechzig Ausstellungen organisiert.
Mit Kaffee und Kaffeeweißer sitzen wir am Tischchen und hören zu. Wie auch den Anderen, die wir bisher kennengelernt haben, gefällt es Dario stundenlang von sich zu erzählen. Wir scheinen eine therapeutische Wirkung auf die Männer im Kiez zu haben.
Wir hören zu, sie reden. Wir nicken, sie merken gar nicht, dass sie uns alles über sich erzählen, sie aber nichts von uns wissen. Kathrin denkt, dass ist eine Marktlücke im Kiez.
Dario erzählt ausführlich von Henna, slavischen Trachten und bestickten Säumen an allen Körpereingängen. Er erzählt von seiner Familie, seinen zwei Töchtern und seiner Frau und ist wie viele Väter der größte Bewunderer seiner Töchter. Er betont, dass er nicht nur Vater sein will, sondern auch Freund. Seine dreizehnjährige Tochter, der Grund unserer Anwesenheit, sei sehr intelligent, kreativ, aufgeweckt, künstlerisch begabt und eigne sich sehr gut für unseren Schüleraustausch.
Dario lebt mir seiner Frau und seinen zwei Töchtern im Wedding. Er und seine Frau würden zwar jeder ihr eigenes Ding machen, lebten aber mit ihren Töchtern als eine Familie zusammen.
Dario fängt an, über die Zeit zu philosophieren. Er ist fünfzig und man würde in diesem Alter nun feststellen, dass die Zeit immer schneller verginge. Deshalb hätte er sich nun entschieden, mehr auf seinen Körper und seine Gesundheit zu achten. Er nimmt einen großen Schluck Kaffee mit Kaffeeweißer. Er meditiere sowieso schon sei dreißig Jahren. Fasziniert erzählt er von Günther, dem siebzigjährigen Buddhisten, der fitter sei als sein zwei Jahre jüngerer Vater in Kroatien.
Dario erzählt, wie er einmal vor seiner Galerie von einer Gruppe Jugendlicher abgefangen wurde. Sie hätten ihn provoziert und eine Schlägerei angefangen. Doch Dario kenne die ‚Straße’ aus Kroatien und wüsste sich zu verteidigen. Es sei wie bei den Tieren: wer zuerst Angst zeige, habe verloren. Noch ein zweites Mal hätten sie ihn zu zwanzigst bedroht, doch er hätte sich nicht beeindrucken lassen. Wenige Tage später schmierte jemand ein Hakenkreuz, ‚Scheiß Jude’ und ‚Kommunist’ auf die Scheiben seiner Galerie. Darius hätte es gelassen genommen, alles weggewischt und statt dessen geschrieben: „Ich bin Künstler, ich bin aus Kroatien". Damit sei der Kampf ausgefochten gewesen. Die Jugendlichen säßen zwar immer noch regelmäßig auf seinem Schaufenstersims, aber sobald er sich mit seinem Laptop ans Fenster setze, würden sie nach wenigen Minuten gehen. Auch eine Gruppe türkischer Mütter hätte anfangs auf seinem Schaufenstersims Platz genommen, um sich lautstark zu unterhalten. Die hätte er einfach mit orthodoxen Kirchengesängen aus dem CD-Player verscheucht. Von nun an ist Dario der König unter den Tieren, bleibt für uns aber gerade nach solchen Geschichten auch nur ein weiterer balzender Eber. Wir haben uns noch etliche Video- und Fotoarbeiten zeigen lassen, deren Niveau das der bisher im Kiez gesichteten Werke bei weitem übertraf.
Kathrin muss zur nächsten Veranstaltung und eilt davon. Sonja bleibt noch ein wenig. Sie leitet geschickt zu unserem eigentlichen Anliegen über und drückt Dario einen unserer Konzeptbögen für seine Frau in die Hand. Von ihm aus darf seine Tochter gerne teilnehmen, er werde sie und seine Frau fragen.
Auch auf Sonja wartet der nächste Termin. Der Hunger treibt sie noch in der Stammdönerbude vorbei, wo sie erleben durfte, was soziale Armut heißt. Die Luft lässt sich vor Zigarettenrauch schneiden. Der Laden ist voll, die Leute schweigen sich an und starren Luftlöcher ins Leere. In den fünfzehn Minuten, in denen Sonja den zehnten Falaffel in zwei Wochen runterstürzt, fällt kein Wort.

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20. Dezember 2007

Kathrin ist eine halbe Stunde zu früh und überbrückt die Zeit in der Stammdönerbude. Nun ist sie ihren zehnten Falaffel. Am Tisch gegenüber sitzen zwei Prolls. Der eine bestellt einen Döner und ruft durch den ganzen Laden der Besitzerin entgegen: „Scharf, nur mit Gurke und Tomate, Kohl haste ja nich!" Als die Besitzerin ihnen den Döner bringt, bestellt er in aggressivem Ton noch einen Tee und einen weiteren, als sie den ersten zum Tisch bringt. Er fügt hinzu: „Das macht jung und fit!". Etwas später kommt ein, um die fünfzig Jahre alter deutscher Mann zur Tür rein. Hinterher schlurft eine junge Frau, die unter ihrer Kappe wie unsichtbar wirkt. Der Alte grüßt die zwei Jungs. Die Frau sagt nichts. Beide setzen sich zu ihnen an den Tisch. Der Alte sitzt Kathrin vis à vis. Er bestellt einen Döner und einen Tee. Die Frau sagt nichts. Alle schweigen. Erst als die Frau wortlos aufsteht und geht, fangen die drei an zu sprechen. Kathrin spitzt die Ohren. Der Alte schwärmt von dem neunzehnjährigen Thai-Girl, das so gut gewesen sei. Die Prolls lachen und wollen mehr hören. Der Alte wirbt für Thailand, es sei heute fünfunddreißig Grad und fünfzehn-, sechzehn-, siebzehnjährige, alles kein Problem. Einer der Jungen sagt: „Mach doch einfach Urlaub am Strand. Ficken kannste auch hier!"
Während der Alte von den Mädchen schwärmt, starrt er Kathrin lüstern an und lässt seine goldene Uhr unterm Pulli hervorblitzen: „Wie wär`s mit der da?" Alle Gesichter drehen sich um. Sie rätseln Kathrins Alter und Herkunft und kommen zu dem Ergebnis: zwanzigjährige Russin oder Polin.
Kathrin verlässt den Laden. Sie flüchtet in die Stephanus-Kirche und stolpert über Biohonig und Fair Trade-Schokolade. Ein netter um die sechzig Jahre alter Mann macht den wöchentlichen Stand in der Kirche. Kathrin kommt mit ihm ins Gespräch. Sie fragt, wieso die Kirche immer geschlossen sei, sie hätte es schon einige Male probiert, stand aber immer vor verschlossener Tür. Er erklärt, dass dies Sparmaßnahmen seien. Das Heizen der Kirche koste dreihundertfünfzig Euro am Tag. Die Gemeinde trifft sich deshalb nur einmal wöchentlich dort und sonst stattdessen im Pfarrhaus. Außerdem würde die Kirche auch an andere Gemeinden vermietet, wie z.B. jeden Sonntag an die afrikanische Gemeinde. Wir fragen nach Partys für Jugendliche, die hier schon stattgefunden haben sollen, wie Mecit uns erzählt hatte. Der Mann bestätigt dies. Er berichtet von weiteren Sparmaßnahmen. Ab 01.01.08 sollen die Gemeinden Pankow, Wedding und Weißensee zusammengelegt werden, um den Verwaltungsaufwand zu minimieren. Er erzählt auch, dass der Altarschmuck samt silbernem Kreuz gestohlen wurde. Dies müsste ein symbolischer Kriminalakt gewesen sein, das Material aus dem das Kreuz sei, sei ja den Aufwand daraus Gewinn zu schlagen gar nicht wert.
Sonja ist unterdessen eingetroffen. Wir kaufen die beiden einzigen Schokoladen ohne Kirchenaufkleber und ziehen weiter zum Schülertreff der Bürgerbegegnung in der Prinzenallee.
Zehn Minuten später sitzen wir zusammen mit sechs Mädchen am Maltisch und erzählen ihnen vom Schüleraustausch. Die Mädchen sind total begeistert und aufgedreht und fragen wild nach. Die meisten bekunden sofort ihr Interesse und wollen mitmachen. Tanja ruft direkt zu Hause an und fragt ihre Mutter um Erlaubnis. Tanja: „Ich darf. Ich komm auf jeden Fall!", ruft sie Kathrin zu.
Wir unterhalten uns mit den Mädchen und bekommen langsam ein Gefühl für ihr Alter (neun bis vierzehn Jahre) und ihren Umgang untereinander.
Gegen 16:00 Uhr werden einige Kinder abgeholt. Wir bekommen Gelegenheit mit Lisas Mutter zu sprechen. Sie ist total begeistert und findet es toll, dass Lisa an dem Schüleraustausch teilnehmen möchte. Wir verbleiben, dass wir Anfang Januar bei Wiederöffnung des Schülertreffs wieder hier sein werden und geben ihr einen Konzeptbogen mit. Wir sprechen auch mit dem Vater von Nadine und auch er reagiert zwar zurückhaltender, aber positiv und sehr interessiert. Nadine will unbedingt mitmachen. Sie erzählt uns, dass ihr Vater aus Belgien kommt und ihre Mutter aus Deutschland. Ann will auch mitmachen und sagt: „Meine Eltern kommen beide aus Deutschland, zu Hause sprechen wir deutsch. Ich spiele aber Cello. Darf ich trotzdem mitmachen?" Ann ist die kleinste im Kinderclub. Sie geht in die erste Klasse.
Heute stand Kerzenziehen, Kalendermalen und Ohrringebasteln auf dem Programm. Die Mädchen zeigen uns stolz ihre Basteleien. Die Atmosphäre im Schülertreff ist sehr entspannt.

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Tagesbericht zum fröhlichen Januar
08. Januar 2008

Gerade noch vor 12:00 Uhr erreichen wir das Büro der Bürgerbegegnung in der Prinzenallee. Doch wieder stehen wir vor verschlossener Tür. Es sind noch Schulferien. Im Café nebenan ist auch nichts los. Wir fragen eine Frau nach den Öffnungszeiten. Sie schickt uns zu Frau Ziehoff, der Chefin der Bürgerbegegnung.
Wir vereinbaren einen Termin mit Frau Ziehoff, da wir Interesse an einem Kontakt zur Mädchen-Gruppe haben.
Wir schlendern bei Darius in der Galerie und im Zentrum-Panke vorbei. Darius, Rita, Aarmaan, Mecit: niemand da. Wir gehen zum Schülertreff um die Mädchen wiederzutreffen, die vor Weihnachten sehr interessiert waren, doch auch die sind ausgeflogen. Es gibt eine Nachricht, dass sie um 13:00 Uhr zurückkommen.
Wir überbrücken die Wartezeit im Tanzsaal. Dort sitzt ein Typ und wartet ebenfalls. Nach fünfzehn Minuten gemeinsamen Wartens liegt die Frage nahe: „Und, worauf wartest du?" Der Typ ist Hausmeister bei der Bürgerbegegnung und da er sich den Job auch noch mit einem alten Mann teilt, bleibt gar nicht so viel zu tun übrig. Es handelt sich auch hier also eher um eine Beschäftigungstherapie, auch Ein-Euro-Job genannt.
Er erzählt weiter und weiter, ohne dass wir eine Frage stellen. Er beklagt sich über das absurde Ein-Euro-Job-Prinzip. Er könnte doch genauso gut ein richtiges Gehalt für seine Arbeit bekommen, statt der ganzen Kostenübernahmen wie Wohnungsgeld etc.. Hier für einen Euro zu arbeiten, also abzusitzen mache ihn fertig. In vier Wochen wird er seine neun Monate voll haben, dann kann er wieder auf Arbeitssuche gehen. Am liebsten hätte er eine Arbeit, bei der er seinen Kopf einsetzen könnte. 1989 hat er im Libanon ein paar Semester Philosophie und Politik studiert, aber das hilft ihm heute auf der Arbeitssuche in Deutschland nicht weiter. Er hat mehrere Jahre in der Gastronomie gearbeitet, Kühlschränke repariert, wollte einen Gabelstaplerschein machen und hat sich als Fernfahrer versucht. Heute träumt er jedoch von seiner eigenen Imbissbude, wo er sein eigener Chef ist. Er habe schon viel versucht, um ein geeignetes Ladenlokal zu finden, doch es sei sehr schwierig einen guten Ort zu finden, der nicht bereits von, in der Nachbarschaft angesiedelten türkischen Unternehmern, in Beschlag genommen wurde. Er hat sich für eine zwei Quadratmeter große Standfläche auf dem Vorplatz des Gesundbrunnen-Centers beworben. Der Zuständige sei Türke und habe seiner Meinung nach aus fadenscheinigen Gründen die Anfrage abgelehnt.
Mittlerweile sind die Schüler vom Ausflug zurückgekehrt. Wir kommen gerade rechtzeitig um noch ein paar Bio-Gemüsetaschen abzugreifen. Wir treffen auf Tanja, die heute ein glitzerndes Playboyhäschen um den Hals trägt. Sie ist zehn, wirkt aber wesentlich reifer und hat auch schon geäußert, dass sie gerne ein älteres Mädchen als Austauschpartnerin hätte. Kathrin hatte schon fast verdrängt, dass sie uns fragte, ob wir Kinder hätten. Ihre Mutter hätte sie mit neunzehn bekommen und ihre Großmutter ihre Mutter auch.
Heute betont sie, dass sie auf keinen Fall eine türkische Austauschpartnerin haben will. Begründen konnte sie das nicht.

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Tagesbericht zum fröhlichen Januar
14. Januar 2008

11:00 Uhr. Kathrin trifft Frau Ziehoff. Sonja ist verhindert.
Frau Ziehoff ist die Chefin der Bürgerbegegnung an der Prinzenallee, in dem sich auch die Mädchen-Gruppe trifft. Sie erzählt von ihrer Arbeit, den Projekten in der Bürgerbegegnung und der Lage im Wedding.
Im Gegensatz zum Schülertreff, wird die Mädchen-Gruppe nicht von Mittelschichtskindern, sondern von Mädchen aus armen Verhältnissen und Problemfamilien besucht. Konkret heißt dies, die Mädchen leben teilweise in Großfamilien auf engstem Raum, nicht alle Familienmitglieder haben ihre eigene Schlafmöglichkeit, Kriminalität und Drogenmissbrauch kommen in den Familien häufig vor. Die meisten sind türkischer, arabischer oder polnischer Herkunft. Aufgrund dieser Umstände kann sie sich nicht vorstellen, dass die Mädchen bei dem Schüleraustausch mitmachen oder dass ein Mädchen aus dem Schülertreff zerrütteten Familienverhältnissen ausgesezt wird. Sie überlegt, ob vielleicht jemand in ihrem Bekannten- und Freundeskreis in Frage käme. Es gibt einige Familien, für die sie sich den Schüleraustausch vorstellen kann und sie wird diese in den nächsten Tagen ansprechen. Wir verbleiben, dass sie nochmal mit der Erzieherin spricht, die die Mädchen-Gruppe leitet. Mittlerweile ist eine Stunde vergangen und Sonja noch nicht aufgetaucht.
Kathrin überbrückt die Zeit diesmal nicht mit Shopping im Gesundbrunnen-Center, sondern mit einem Spätfrühstück im Bürgercafé und stolpert dort über die Lektüre ‚16 Jahre Merkel sind genug - Chronik einer Kanzlerschaft’. Die nette Bedienung mit den stümperhaft gepflegten Zähnen kümmert sich besonders fürsorglich um Kathrins Wünsche, da sie noch die Einzige im Café ist. Sonja gesellt sich bald dazu und verdrückt ein großes Omelette, ungeachtet ihrer Hühnereiweißallergie, dazu Pommes. Jetzt um 20:10 Uhr liegt sie auf dem Lammfell, reibt sich den Bauch und streckt die Beine in die Luft, um die noch immer anhaltende Übelkeit zu vertreiben.
Der zweite Termin für heute: 16:00 Uhr im Schülertreff.
Wir wollen die Eltern einiger interessierter Mädchen abpassen, insbesondere die Mutter von Tanja, müssen jedoch gleich erfahren, dass Tanja heute krank ist.
Wir sprechen mit Lisa, Vera, Caroline und Jana. Lisa und Vera, beide aus deutschen Familien, haben schon ihre Eltern gefragt und dürfen am Schüleraustausch teilnehmen. Sie haben auch große Lust dazu, können sich jedoch nicht vorstellen, jemanden als Austauschpartner zu haben, der nicht vom Schülertreff ist, den sie also nicht kennen. Vera erzählt, sie würde sich in einer fremden Familie unsicher fühlen und würde bestimmt keinen Ton sagen. Außerdem kann sie nicht gut einschlafen und hätte dann niemanden, der ihr in solch einer Situation ihre Wünsche erfüllen kann. Sie erzählen uns auch, dass Nala, halb deutsch, halb afrikanisch, die sie beide gerne als ihre Austauschpartnerin gesehen hätten, nicht teilnehmen darf. Nala kommt etwas später und bestätigt dies. Auf die Frage warum, sagt sie: „Es gäbe zu wenig Platz, um ein anderes Kind aufzunehmen und sie selbst dürfe nicht in eine andere Familie gehen''.
Zum ersten Mal treffen wir auf Caroline, sie ist elf und kommt aus einer Artistenfamilie. In den letzten Wochen ist sie mit ihren Eltern getourt. Die Mutter ist Trapezkünstlerin, der Vater Diabolo-Spieler. Sie selbst tritt mit dem Hullahoppreifen auf. Ihre Eltern sind deutsch und italienisch, mit ihrem Vater spricht sie ausschließlich italienisch. Sie scheint ernsthaft interessiert. Wir sprechen noch mit einigen anderen Eltern.
Das war unser Auftritt Nummer fünf im Schülertreff, wir hoffen Auftritt sechs fruchtet noch besser. Traummann Konrad (Erzieher, namenlos) lassen wir hinter uns.
Noch im Hof spielen wir die ersten Partnerkombinationen durch:
Caroline - Darius Tochter, Caroline - Tanja, Tanja - Darius Tochter, Tanja - ?, Nadine - Lisa?
Wir setzen auf Xaver Schreiber und seine afrikanischen Tänzerinnen.

Lieben Gruß
hoffentlich sehen wir euch bald wieder!
Ludde und Ludde

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17. Januar 2008

Heute sind wir mit zwei Meter Michael verabredet, der die Arbeitsgemeinschaft ‚Junge Schreiber’ leitet. Wir treffen im Morgner-Haus ein, als die Mädchen gerade anfangen, ihre heute geschriebenen Texte zum Stichwort ‚Baseballcap’ vorzulesen. In der Runde sitzen Steffi, Kaya, Yvonne, Vera, Eli und Rahel. Sie sind zwischen zehn und zwölf Jahren alt und außer Yvonne hat keine von ihnen einen Migrationshintergrund. Vera, Eli und Rahel kennen wir schon vom Schülerladen und die versprochenen türkischen Mädels sind nicht da. Da wir bisher fast nur Schülerinnen deutscher Herkunft haben, ist für uns nur Yvonne mit ihrem georgischen Vater interessant. Vera, mit der wir schon im Schülerladen viel Kontakt hatten und die auch interessiert ist, wird heute von ihrem Vater abgeholt, bei dem sie die D-Tage und jedes zweite Wochenende verbringt. Unser neuer Held: Herr Gutsch.
Der ‚Keinen Sex mit Nazis-Schlüsselanhänger’ baumelt aus der Jeans. Lederjacke und Basecap lassen ihn locker wirken. Er ist der erste, der sofort auf den Austausch eingeht und sich seine Tochter schon in Gedanken um sechs Uhr früh auf dem Gebetsteppich vorstellt. „Du kriegst bestimmt deinen eigenen Teppich!", ermuntert er sie scherzhaft. Er schlägt ihr vor, zu Baci, dem türkischen Mädchen aus dem Schülertreff nach Hause zu gehen. Aber das kommt für Vera wegen Bacis großem Bruder Tamer nicht in Frage. Er gibt uns noch seine Telefonnummer und wenn wir anrufen, sollen wir ihn mit Phillip anstatt Herrn Gutsch anreden, sonst klinge es so offiziell, dass er vor Schreck gleich wieder auflege. Zwei Meter Michael wartet im Zentrum auf uns. Als wir dort ankommen, ist es kaum zu übersehen, dass Cécile heute besonders gut drauf ist. Die erste Viertelstunde beschwert sie sich darüber, dass sich Sonja nicht als erstes in die Küche gestellt hat und dem gestressten Michael Kaffee gekocht hat. Wir wagen es trotzdem, sie nochmals auf die Mädchen ihres Puppentheaters anzusprechen. Überraschenderweise ließ sie sich sogar nach einer halben Stunde Überwindung dazu herab, uns zu versichern, den Mädchen von unserem Projekt zu erzählen. Treffen dürfen wir diese eventuell dann später. Sie weiß genau, dass die zwei dreizehnjährigen palästinensischen Schwestern perfekt für unseren Austausch wären.
Wir gesellen uns noch etwas zu Mecit und Hans in die Küche und plaudern über Mohammed und Kinderschänder und die Existenz Gottes. Als Hans Felhi den Satz zitiert: „Wenn man zu Gott spricht, nennt man das Beten, wenn Gott zu einem spricht, nennt man das Psychose'', fängt Mecits Stimme an, sich zu überschlagen. Hans meint, ob man sich das, was über den menschlichen Verstand oder das menschliche Wissen hinaus gehe, mit Gott erkläre oder durch das strikte Abstreiten des Übernatürlichen, seien letztendlich nur zwei verschiedene Wege mit demselben Ziel, sich das Unerklärliche zu erklären. Mecit kann das nicht akzeptieren. Für ihn gib es nur seinen richtigen Glauben und die Unwissenheit und Ignoranz der Anderen. Mecit muss auch gleich nach Hause, weil seine Ex-Frau Angst im Dunkeln hat.
Wir sind überrascht, da uns Mecit von seiner Scheidung erzählt hatte und jetzt wird auch verständlich, warum es außer Frage steht, einen Austausch mit Rita zu machen. Er wohnt nämlich zusammen mit seiner Ex-Frau und muss jeden Abend sogar vor der Dusche Wache schieben. Tagsüber muss er sich jedoch verdrücken, um den geplanten Ablauf der Frauensendungen nicht zu stören.
Später als wir schon draußen sind, kommt Mecit auf unsere Frage zurück, wie wir uns denn um Himmels Willen vorstellen könnten, dass er und Rita zwei Tage Austausch machen. Rita und er seien schließlich wie Feuer und Wasser. Er erzählt, wie er, als Sunnit eine Zeit lang bei Schiiten gewohnt hat und sie sich jeden Tag gezofft hätten.
Wir telefonieren noch mit Frauke, der Leiterin der (afrikanischen?) Mädchentanzgruppe in der Bürgerbegegnung und fragen nach einem Termin. Den haben wir auch bekommen, am 26. Januar.
Wir müssen uns also realistischer Weise (Deadline im Nacken) auf unsere Mädels im Schülertreff beschränken und werden Tanja und Caroline, inklusive Familie ab morgen ausgiebig bearbeiten, vom 24.01.- 28.01. am Austausch teilzunehmen.

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Friday night: wir verführen Mecit zum Iftar
18. Januar 2008

Um 16:00 Uhr kreuzen wir wieder wie selbstverständlich im Schülertreff auf. Wir müssen feststellen, dass unser nachmittägliches Erscheinen keine große Aufmerksamkeit mehr erzeugt. Die Mädchen interessieren sich mehr für ihre Malbücher als den Austausch und wir müssen ihnen den Stand der Dinge so mehr oder weniger aus der Nase ziehen.
Ernüchternder Stand der Dinge seit heute: Caroline darf nicht teilnehmen.
Als wir sie fragen warum, antwortet sie, sie wolle auch gar nicht. Tanja ist nicht da. Wir sprechen mit ihrer Mutter am Telefon. Sie weiß bereits Bescheid und sagt, dass sie niemanden aufnehmen möchte, da sie bis abends arbeitet. Dass Tanja in eine andere Familie gehen darf, schließt sie nicht aus. Sie sagt zu, Tanja am Montag im Schülertreff abzuholen, um mit uns zu sprechen.
Ein unangekündigter Besuch bei Céciles Puppenentheater schadet da auch nicht mehr, obwohl wir ausdrücklich nicht willkommen sind. Im Zentrum ist die ganze Sippe anwesend: fette Mütter, zitternder Christian, Mecit, ... Cécile verdrückt sich mit ihren Kindern in den Keller.
Wir gesellen uns zu Mecit in die Küche. Er liest gerade ,Dianetik - Die Entwicklung einer Wissenschaft - Der Schlüssel zum Ich’ von L. Ron Hubbard und ist schon nach der Hälfte des Buches überzeugt. Einige seiner Handlungen erklärt er sich fortan durch frühere Narkosen, in denen die Ärzte über ihn gesprochen hätten. L. Ron Hubbard, der Gründer von Scientology, verspricht, dass eine Hypnose, die bei einer verhunzten Operation zu bleibenden Verhaltensstörungen bzw. Veränderungen führen kann, von ihm durchgeführt auch eine Therapieform darstellt, aus dummen Menschen kluge zu machen. In diesem Zusammenhang finden wir heraus, dass Mecit sich nicht zu knapp selbst geißelt. Er macht nämlich einundsechzig Tage lang, mitten im Januar versteht sich, Ramadan, weil er als vierzehnjähriger einmal während des Ramadans einen Schluck Wasser genommen hat. Mecit hat anscheinend ein paar kleine Laster, die er sich von der Seele fasten möchte. Er bestraft sich aber nicht nur durch Fasten, sondern auch durch eine Verlängerung seiner Sozialstunden im Zentrum-Panke, obwohl seine gesetzlich verordneten fünfzig Arbeitstage abgearbeitet sind und er eigentlich ein freier Mann wäre. Vor Allah sieht er seine Tat aber noch nicht vergolten.
Besagte Tat, die für uns noch vor einigen Wochen seine Scheidung war, ist eine Auseinandersetzung mit seiner Frau bzw. Ex-Frau, für die er sich selbst bei der Polizei angezeigt hat. Auch wenn er deshalb jetzt vorbestraft ist, bereut er seine Anzeige nicht. Er hätte auch als Nichtvorbestrafter keinen Arbeitsplatz bekommen. Mecit ist seit Jahren arbeitslos und musste sein Biologiestudium abbrechen, weil er sich die Krankenversicherung nicht leisten kann. Auch Christian, der mit uns am Tisch sitzt, wollte studieren, durfte aber nicht als Hartz IV-Empfänger. Mecit beklagt sich über das Jobcenter. Seine Betreuerin würde seinen Fall nicht richtig bearbeiten und ihn provozieren, woraufhin er sie neulich in einem Brief als KZ-Aufseherin beschipfte. Jetzt hat er auch deshalb eine Klage wegen Beamtenbeleidigung am Hals. Die im Hintergrund Pizzateig knetende, ältere Dame empört sich lauthals über Mecit, in der Türkei würde man dafür gleich weggeschlossen und hier sei der Knast ja im Gegensatz zur Türkei geradezu paradiesisch. Mecit: „Was weißt du schon über die Türkei?" Die Frau: „Erst herkommen und dann vom Staat leben und dann müssen wir uns auch noch beleidigen lassen! Unmöglich!" „Jetzt werden wieder die Vorurteile ausgepackt", winkt Mecit ab. Er erzählt von einer Situation, die er im Supermarkt erlebt hat. Ein Schwarzer hatte ein Portemonnaie geklaut und als er gestellt wurde, hätte er gesagt: „Ich nehme mir nur zurück, was ihr uns schon längst geklaut habt!" Das sei mal ein gutes Statement, aber solche Damen wie sie würden das ja nicht verstehen. Rita schwirrt herein. Sie kommt gerade aus Malle vom Beach. Pauschalurlaub, ein Geschenk von Gott. Wir fragen sie, ob sie sich einen Austausch mit Mecit vorstellen könnte. Sie ist entsetzt. Wie könnte sie als Single zu Mecit und seiner Frau bzw. Ex-Frau und Mecit allein mit ihr in ihrer Wohnung sein?
Wir packen ein paar Orangen aus und verhelfen Mecit zum Iftar. Mecit träumt davon einmal nach Nepal zu reisen, was er sich, wie er sagt, auch nie wird leisten können, weil er arm sei, weil dumm. Deshalb Dianetik. Auch in seine Heimat in der Osttürkei nahe der russischen Grenze fahre er äußerst selten, 2006 zum ersten Mal seit zehn Jahren. Er klingt resigniert.
Es ist 18:00 Uhr. Generalversammlung Zentrum-Panke. Ute bittet uns zu gehen. Mittlerweile sind auch die zwei Stunden Puppenenspieltheater vergangen und wir schleichen in den Keller um Céciles Kinder vor dem Gehen abzufangen. Heute sind leider nur zwei gekommen. Die elfjährige Cindy und der elfjährige kleine Ali. Cindy wirkt erwachsen. Sie wohnt mit ihrer Mutter, ihren vier Halbgeschwistern, die alle braun sind, wie sie sagt, und ihrem Stiefvater zusammen. Ali aus der Türkei nennt Cindy ,Braut' und Cécile eine alte Oma und gibt „Ich würde keine Schwarze heiraten" und „Ich würde Kurden und PKK erschießen" von sich — Maschinengewehrsalven in der Luft imitierend. Es ist gleich klar, Ali können wir auf keine Familie loslassen.

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21. Januar 2008

Wir sind um 16:00 Uhr mit Tanja und ihrer Mutter im Schülertreff verabredet. Wir treffen auf Konrad (Erzieher, namenlos, Sozialarbeiter). Er weiß schon Bescheid und teilt uns mit, dass Tanja krank ist. Auf einmal spricht Konrad Englisch: „You know, Tanjas mother is sick, seriously." Konrad hat uns allerdings auch noch mal bestätigt, dass Tanja unbedingt mitmachen möchte. Er gibt uns die Telefonnummer von Tanjas Mutter mit und wünscht uns viel Glück. Und da war Konrad weg. Wir haben ihn wieder ins Herz geschlossen.
Wir kämpfen uns durch den Regen. Kathrin versucht die Hundescheiße an ihrem Stiefel hinter sich zu lassen - am Zaun eines Vorgartens. Sonja lässt der Kiez nicht so schnell los. Sie träumt in dieser Nacht, mit
Kathrin und Mecit des Nachts auf dem Deck eines Kreuzfahrtdampfers über den Mekong zu fahren und hier und da mit dem Blick Mecits ausgestrecktem, auf die Besonderheiten der Region aufmerksam machenden, Zeigefinger zu folgen.

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22. Januar 2008

Zufrieden aufgewacht, Vogelgezwitscher, Kathrin im Pyjama. Um 15:00 Uhr klingelt das Telefon. Sonja ist dran: „Schlechte Nachrichten. Tanjas Mutter hat abgesagt. In fünfzehn Minuten am Grell Eck. Wir müssen in den Schülertreff, Vera überzeugen."
Im Schülertreff machen wir es kurz und schmerzlos. Wir verstehen es als Geste des Vertrauens, dass Konrad uns nun beim Besuch Nummer fünfzehn, ein eigenes Schuhfach anbietet.
Wir fragen Vera nun zum letzten Mal, ob sie Lust hat, am Wochenende am Schüleraustausch teilzunehmen. Sie druckst wie immer herum, stimmt dann jedoch zu, ihre Austauschpartnerin zu treffen. Sie gibt uns die Nummer ihrer Mutter mit, damit wir für morgen ein gegenseitiges Kennenlerntreffen vereinbaren können.
Auf dem Weg nach Hause, kehren wir zur Feier des Tages im ‚Trattoria Roma' ein. Ein gepflegtes Stübchen. Terracotta an den Wänden, Feriengefühle kommen nicht auf. Eigentlich wollten wir ins ‚Jamaika'
nebenan, mal was Neues ausprobieren. Wir bestellen ein San Pellegrino und beobachten Frau Müller, um die fünfundsiebzig, vom Nachbartisch. Sie beginnt mit dem türkischen Kellner, um die fünfzig, zu flirten, ungeniert, hartnäckig. Sie wirft mit Blicken um sich und stülpt die Lippen. Er streicht ihr über die Wange, doch das ist ihr nicht genug. Sie will ihn jetzt und ganz. Wer bezahlt hier wen?
Sonja ruft Darius an und spricht mit seiner Tochter am Telefon. Die möchte alles nochmal genau erklärt haben und durchleuchtet kritisch Sinn und Zweck des Ganzen. Auch sie meldet sofort Bedenken an. Sie möge nicht, wenn jemand in ihren Sachen stöbere. Sie habe ein Tagebuch, das niemandem in die Hände fallen solle und es sei ihr nicht so recht jemanden in ihrem Zimmer aufzunehmen. Ihr Zimmer sei ganz anders als die Zimmer anderer Mädchen und überhaupt sei sie ein ganz verschlossener Mensch. Wie gut, dass sich das so wunderbar mit den Wünschen und Ängsten von Vera vereinbaren lässt. Sonja erklärt ihr also, dass sie zuerst mal zu Vera gehen würde, woraufhin sie antwortet, dass sie eigentlich nicht mehr bei anderen Leuten übernachte, nachdem sie beim letzten Mal schlechte Erfahrungen gemacht habe. Der Hund ihrer Freundin sei mitten in der Nacht ins Zimmer gekommen und habe sie aufgeweckt, dass sie sich vor Schreck den Kopf gestoßen habe. Maria scheint genau zu wissen, was sie will und was nicht, trotzdem lässt sie sich gerne darauf ein, Vera morgen zu treffen und ihre Entscheidung von ihrer Sympathie zu Vera abhängig zu machen. Vera können wir ebenfalls zu dem morgigen Treffen überzeugen.
Unser großer Auftritt: Mittwoch, 23.01.08, 17:00 Uhr, Darius Galerie.

Drückt uns die Daumen!
Sonja und Kathrin (vom Fell)